Helena - 31.08.2012
Da wo die Welt endet- das heißt Chile in der Sprache der Indigenen. Dass der Weg dorthin ein langer sein wird, damit hatten wir gerechnet. Doch dass es dank gesperrter Autobahn und kaputtem Flugzeug eine fast 48 stündige Reise werden würde, dass hätten meine Mitfreiwilligen -Johanna und Lukas- und ich nicht für möglich gehalten. Doch umso glücklicher waren wir, als wir endlich in Valparaiso angekommen sind, wo wir bevor wir unseren Dienst beginnen, noch 2 Wochen Sprachkurs absolvieren. Wir haben im Flugzeug sogar einen Deutschen kennengelernt, der seit 2 Jahren in Valparaiso (200 km nördlich von Santiago) wohnt. Er hat uns den richtigen Bus nach Valparaiso gezeigt. Die erste Nacht hier war eisig kalt und chilenische Häuser haben in der Regel keine Heizung. So habe ich mich in der ersten Nacht trotz Schlafanzug, Fliesjacke und Wollsocken, mit 2 Wolldecken, Schlafsack und einem Federbett zugedeckt. Doch sobald der Morgen angebrochen und die Sonne aufgegangen war, hat uns Valparaiso seine freundliche Seite gezeigt. Schon der Ausblick ist ein Traum, man sieht sowohl den blau schillernden Pazifik als auch schneebedeckte Berge. Aber nicht nur die Landschaft, sondern auch die Stadt selbst hat viel zu bieten. Auf ein Wort reduziert ist Valparaiso „bunt“. In der Künstlerstadt gibt es kein weißes Haus. Alles ist mit Mosaiken und kunstvollen Graffitis verziert. Graffitis sind hier keine Schmierereien , sondern wirkliche Bilder. Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt und von der Armut lassen sich die Chilenen schon gar nicht in ihrer Kunst einschränken, sodass sich auch einmal wunderschöne Mosaike aus Flaschendeckeln finden. Armut, wird vielleicht nicht automatisch mit Chile in Verbindung gebracht, da Chile inzwischen eine gut funktionierende Wirtschaft besitzt. Meine Spanischlehrerin meinte dazu „good economy, but poor people“- viele der Menschen bekommen also nichts vom wirtschaftlichem Aufschwung mit, sodass es hier große Disparitäten gibt. In der Innenstadt fühlt man sich wie in Europa, es gibt einen riesigen Hafen, prächtige Altbauten und ganze Straßen voller Geschäfts- und Verwaltungsgebäude, auf den Hügeln Valparaisos finden sich allerdings auch viele Hütten und Wellblechbauten. Die Chilenen begegnen der Armut allerdings auch hier mit Kreativität und so basteln sie Krüge aus Bierdosen, falten Geldbeutel aus Zigarettenschachteln, verkaufen selbstgestrickte Kleidung….
Und sie fordern ihre Rechte lautstark ein, hier vergeht kein Tag ohne Demonstration. Vor allem die Studenten kämpfen für eine billigere und bessere Ausbildung. Ein Medizinstudent zahlt hier pro Jahr 5.000.000 chilenische Pesos (mehr als 8.000 Euro) Studiengebühren, sodass ein Arbeiterkind niemals ein Arzt werden könnte. Die Studenten streiken auf friedliche Weise, veranstalten Trommelkonzerte, gestalten Plakate…. Johanna, Lukas und ich dürfen uns an den Demonstrationen nicht beteiligen, da wir für unser Visum unterschreiben mussten, uns in Chile in keine politischen Fragen einzumischen.
Aber auch ohne Demonstrationen ist das Leben hier sehr spannend. Die Chilenen sind super freundlich, und obwohl sie am liebsten sehr schnell sprechen und viele Silben verschlucken, bemühen sie sich total, sobald sie merken, dass unsere Spanischkenntnisse noch nicht die Besten sind. Die Menschen hier sind total herzlich auch zu Fremden, bei dem Sonntagsgottesdient, wurde ich zur Begrüßung und beim Friedenssgruß, wie ein langjähriges Gemeindemitglied umarmt. Auch unsere Gastmutter kümmert sich rührend um uns und hat in unseren Stadtplan mit Kreuzchen markiert, wo wir uns als Europäer alleine besser nicht aufhalten sollten. Insgesamt ist Valparaiso jedoch eine sehr sichere Stadt und die Polizei ist überall präsent.
Nur die Straßenverkehrsordnung scheint hier mehr eine Möglichkeit, als ein Gesetz zu sein, aber auch die alltäglichen Hupkonzerte sind sehr amüsant. Insgesamt fühle ich mich noch ein bisschen wie ein Tourist, als ob man alles von außen betrachtet. Es fühlt sich ein bisschen an, als würde man vor einem Aquarium stehen und zuschauen, anstatt darin mitzuschwimmen. Obwohl einem die meisten Chilenen bei jeder Begegnung ein Lächeln schenken, reicht mein Spanisch noch nicht für wirkliche Gespräche. Ich freue mich schon, wenn ich ab dem 10. September an der Behindertenschule der Sternenkinder arbeite und hoffe, dass ich hier ganz in das chilenische Leben und die neue Kultur eintauchen kann.
Johanna - 04.11.12
Hola a todos!
Für alle- bei denen ich mich noch nicht gemeldet habe- zuerst: Ich bin gut angekommen und mir geht es gut!
Schon über zwei Monate bin ich jetzt schon in Chile, und sie verging einfach wie im Flug.
Nach unserer Ankunft verbrachten wir erstmal zwei Wochen in Valparaiso für einen Sprachkurs- um uns so einigermaßen mit Spanisch auszurüsten. So schafften wir es danach zum Beispiel Alltagssituationen zu meistern wie zum Beispiel Busfahrkarten kaufen und kamen damit dann auch gut nach einer Nacht im Bus in Los Angeles an.
In Los Angeles werden wir meine Mitfreiwilligen – Helena und Lukas- jetzt für ein Jahr in einem „Departemento“ zu dritt in einer WG wohnen. Circa zehn Minuten außerhalb der Stadt befindet sich die Schule „Corperación Sternenkinder“. Hier werden Schüler mit einer Behinderung, die größtenteils aus den ärmsten Verhältnissen kommen, unterrichtet. Die Schule ist erstanden aus der Initiative des Direktors „Tio Carlos“ und Freunden aus Deutschland, die gemeinsam den Verein „Sternenkinder“ mit Sitz in Nördlingen, in der Nähe von Aalen, gründeten. Inzwischen gibt es die Schule schon seit 18 Jahren.
Begrüßt wurden wir in der Schule mit einem großen Schulfest, anlässlich dem 18. September. An diesem Datum feiert man den Beginn der Unabhängigkeit Chile und die Loslösung von Spanien.
Auf dem Programm an diesem Tag standen für uns zum Beispiel Mithilfe beim Empanadas-Backen - Completo (chilenische Hotdogs mit Avocado und Tomate) Zubereiten. Dazu traditionelle Musik und Queka – ein traditioneller chilenischer Tanz. Kurz gesagt meine Augen wussten gar nicht wohin sie zuerst hinschauen sollen –zu den Trachten die viele der Schüler anhatten- wie man Queka tanzt und nebenbei war ich ja mit für die Zubereitung der Completos eingeteilt.
Und in der Woche danach ging es genauso turbulent in der Schule weiter. Musikgruppen von anderen Schulen besuchten uns- ein Quekawettkampf fand zwischen den Schülern statt- jeder Sala bereitete eine kleine Aufführung vor sodass ein ein kunterbuntes Programm für einen Nachmittag auf die Bühne zustande kam -und vieles mehr war in dieser Woche geboten. Alle diese Aktivitäten fanden immer mit allen Schülern in der Turnhalle statt- die gleichzeitig mit der Bühne auch Aula ist.
Und kaum war der „Diezyocho“ vorbei folgte der Frühlingsanfang. Dies bedeutete dass der Sala mit Blumen, Schmetterlingen, Marienkäfer- alles was eben zum Frühling dazu gehört dekoriert wurde. Auch auf dem Spielplatz haben wir mit den Chiquititos Blumen gepflanzt. Chiquitito ist die Verniedlichung von Chico-Junge- und man meint hier in der Schule damit die Schüler von der Prebasico was in etwa mit Kindergarten gedeutet werden könnte. Und genau da war mein Arbeitsfeld im ersten Monat. In diesem Sala sind zwölf Kinder und alle mit ganz unterschiedlichen Behinderungen, wie z.B. Taubstumm, Swastiken, Mongoliden. Hier durfte ich erfahren wie leicht und gut es geht sich mit Händen und Füßen zu verständigen und auf der anderen Seiet wie schwer es doch auch ist. Ein Mädchen, zum Beispiel, fasste sehr schnell Vertrauen zu mir- und obwohl wir nicht viel redeten da dies eben nicht möglich ist auf Grund ihrer Behinderung verständigten wir uns gut- wenn es darum geht- welches Spielzeug sie gerne hätte – wie das Essen ist oder wenn sie Hilfe brauchte beim Toilettengang. Bei einem anderen taubstummen Jungen dagegen aus meiner Klasse kam ich an meine Grenzen nur mit Händen und Füßen meine Autorität zu verdeutlichen- Grenzen zu setzten und auch mal zu schimpfen, wenn sein Verhalten unangebracht gegenüber seinen Mitschülern war.
Doch auch hier lernt man mit der Zeit- was die Tricks sind - die Gebärden- Grenzen zu setzten- damit verstanden wird- dass die Tia gerade echt sauer ist und jetzt „Schluss ist mit Lustig“. Und doch wird es mein Ziel sein hier noch ein paar mehr Wörter der Gebärdensprache zu lernen- den auch in meinem neuen Sala gibt es zwei Schüler, die Taubstumm sind.
Mein neuer Sala ist zuständig für die Gewächshäuser und hat somit auch ein sehr großen Anteil praktischer Arbeit dabei, was mir sehr gut gefällt. Die Schüler in diesem Sala sind zwischen 18 und 24 Jahre alt. Der Tagesablauf ist hier in drei Arbeitsblöcke eingeteilt. Der erste Block ist die Zeit vom Ankommen bis zum Frühstück . Hier sind Tareas- „Hausaufgaben“ angesagt- ein Tag in Mathematik, Sprache und „Social“. „Social“ umfasst ganz unterschiedliche Themenbereiche das geht über die Wichtigkeit des Wassers über Recyceln aber auch Sexualkunde ist hier ein Thema. Diese Themen werden größtenteils über Konversation mit den Schülern erarbeitet. Im zweiten Arbeitsblock, der vom Frühstück bis zum Mittagsessen dauert, geht es meistens ins Gewächshaus um zu gießen , ernten oder neu einzupflanzen oder die speziellen Anrichtungen in denen der Hauseigene Salat wächst zu putzen um neuen einzupflanzen. Und im dritten Arbeitsblock nach der Mittagessen und Pause stehen ganz unterschiedliche Sachen auf dem Programm wie zum Beispiel Plakate mit Fotos zu gestalten, mit denen Werbung für den Verkauf vom Salat gemacht werden soll.
Auch in diesem Sala gibt es wieder ganz unterschiedliche Grade von Behinderungen. Das zeigt sich zum einen in den Fähigkeiten der einzelnen Schüler im ersten Arbeitsblock. So gibt es in meinem neuen Sala zum Beispiel unterschiedliche Abstufungen was das Rechnen- Lesen- aber auch Umgang mit einer Schere angeht. Was das schöne an diesen ganz unterschiedlichen Behinderungsgraden ist, dass man beobachten kann, dass die Schüler sich gegenseitig helfen und sich umeinander kümmern
Meine Aufgabe ist zum Beispiel mehr- beeinträchtigten Schüler des Sala zu beaufsichtigen oder sie zu betreuen. Das bedeutet dann oft schon Einzelbetreuung- so z. B. Im Gewächshaus dass nicht die Tia Johanna auf der anderen Seite, die gerade Fotos macht, mit Wasser besprüht wird sondern die Pflanzen- und die frische eingepflanzten Samen.
Dadurch dass ich jetzt schon im zweiten Sala tätig bin und im jetztigen Sala oft im Freien arbeite bekomme ich viele unterschiedliche Sachen vom Collegio zu sehen- was mich sehr freut und mir viel Spaß bereitet. Und doch würde ich behaupten, dass ich immer noch in der Eingewöhnungs- und Orientierungsphase bin- jetzt im neuen Sala bin ich immer noch gespannt was als nächstes auf mich zu kommt und auch im gesamten Collegio gibt es noch jeden Tag was neues zu entdecken ganz abgesehen von den Namen unserer aller Schüler. Aber jeden Tag ein bisschen mehr – darin bestärken mich dann auch wieder die Chiquititos wenn ich im Pausenturnus bei Ihnen Aufsicht haben und sie auf einen zugestürmt kommen und umarmen und rufen: „¡Hola Tia Johanna!- ¿comó estás?“ Das zeigt mir dann dass ich kein fremdes Gesicht mehr im Collegio bin und ich hier schon ein Stück zweite Heimat gefunden habe und ich hier angekommen bin.
Herzlichst bedanken möchte ich mich auch für die lieben Grüßen- die mich hier immer wieder erreichen. Es freut mich immer sehr- aus Deutschland zu hören! Auch wenn 11000km dazwischen liegen bestärkt der Rückhalt mich.
Liebste Grüße aus Chile- mit ganz viel Sonnenschein- für die kalten Tage, die jetzt in Deutschland anbrechen.
Johanna
Helena - 16.11.2012
Jetzt habe ich ja schon länger nichts mehr von mir hören lassen.
Inzwischen ist hier endlich der Sommer angekommen. Morgens ist es zwar meistens bewölkt und nebelig, sodass ich mit meiner Filzjacke losziehe, aber am Nachmittag hat es inzwischen fast 30 Grad. Ich bin super glücklich über das gute Wetter, vor allem weil ich in meiner Anfangszeit hier so gefroren habe. Für die Chilenen ist es allerdings absolut unverständlich, wie man sich so über die Hitze freuen kann. Die meisten Chilenen bevorzugen Wolken und frische Temperaturen. Sie stöhnen jetzt schon auf, wenn sie an den Dezember denken, in dem das Thermometer wohl bis auf 35 oder teilweise 40 Grad klettert. Ich freue mich auf den Sommer und das hat mir unter meinen Arbeitskollegen in der Schule inzwischen den Namen „Helena Pinguina“ eingebrockt.
Meine Arbeit macht mir immer noch sehr viel Spaß und inzwischen beginne ich auch eigene Ideen mit den Kindern zu verwirklichen. Letzte Woche war ich an dem Tag als Sozialisation auf dem Stundenplan stand mit meinen 14 Kindern alleine. Diesen Tag habe ich genutzt, um mit meinen Schülern über gesunde Ernährung zu sprechen und wir haben gemeinsam einen leckeren Tutti-Frutti- Obstsalat gemacht. Das Thema der Ernährung ist mir echt ein Anliegen, denn die meisten meiner Kinder bringen ein paar Kilos zu viel auf die Waage, was wohl auch daran liegt, dass in Chile Fastfood, Chips, Snacks und zuckersüße Getränke auf der Straße spottbillig verkauft werden und die gesunden Lebensmittel im Supermarkt relativ teuer sind. Ich hoffe, meine Schüler durch den Kochunterricht ein wenig für eine gesunde Ernährung sensibilisieren zu können. Diese Woche wollen wir gemeinsam ein Picknick machen mit Obstspießen sowie Broten, die wir mit bunten Gemüsegesichtern verzieren werden.
Letzte Woche war hier ein Tag der offenen Schule und es war wirklich beeindruckend, was unsere Schüler zusammen mit den Lehrkräften auf die Beine gestellt haben. Es gab eine Tanzvorführung, bei denen die Mädchen wie Feen durch den Raum geschwebt sind, ein kleines Theater in einem Zauberwald mit lustigen Bienchen, Schmetterlingen und Zauberern und eine Trommelgruppe gab lateinamerikanische Melodien zum Besten. Und die Schüler konnten präsentieren, was sie in ihren Gruppen dieses Jahr gebastelt haben und so gab es gefilzten Schmuck, bunte Mosaike, selbstgebastelte Puppen und Servierbretter mit Serviettentechnik zu bestaunen.
Der Alltag in meiner Schulklasse ist eigentlich genauso wie es bei mir im Gymnasium war. Die Menschen mit Behinderung haben die gleichen Wünsche und Gefühle wie wir alle. In meiner Gruppe gibt es auch zwei Liebespärchen, die wirklich goldig sind. Letzte Woche als wir gekocht haben, hat Jordanna es sich nicht nehmen lassen, ihren Jonathan zu füttern. Leider bleiben aber auch die Eifersuchtsszenen nicht aus, und sieht ein anderer Schüler Jordanna auch nur an, dann kommt Jonathan sofort und schimpft, ob sie denn nicht wissen, dass das seine Jordanna sei.
Ich habe beim Aufräumen meines Klassenzimmers ein chilenisches Liederbuch und eine Flöte entdeckt und es gibt sogar Lieder, deren Melodien ich kenne. Auf die Melodie von „Freude schöner Götterfunken“ gibt es hier die „Cancion del Alegria“ (das Lied der Freude), das ich jetzt schon ein paar Mal mit der Blogflöte vorgespielt und gesungen habe und einige Kinder fangen langsam zaghaft an, mitzusingen. Vor allem auf die ganz Kleinen, bei denen ich mittags immer eine halbe Stunde Aufsicht habe und die oft sehr lebendig sind, hat die Musik echt beruhigende Wirkung.
Diese Woche haben wir mit unseren Kindern angefangen, die ersten Weihnachtsgeschenke zu basteln, wofür wir bei einem Ausflug Naturmaterialien wie getrocknete Blumen und Gräsern, Samen und Blätter gesammelt haben. Blumen und Weihnachten hört sich ziemlich paradox an, aber Weihnachten ist hier nun mal im Hochsommer. Ich bin schon gespannt, wie das so wird, wenn man sicher keine weiße, sondern ganz bestimmt eine heiße Weihnacht erlebt. Aber die Weihnachtsdekoration ist wohl die selbe wie in Europa, im Supermarkt ist jetzt schon alles voller Lichterketten, Kugeln und sogar Schneeflocken, womit wir schon beim nächsten Paradoxon wären.
Für viele meiner Schüler ist Weihachten heuer aber kein Grund zur Freude, denn das chilenische Schuljahr endet im Dezember und die erwachsenen Schüler, die bereits 2 Jahre hier waren, bekommen im nächsten Jahr vom chilenischen Staat keine weitere Förderung finanziert, worüber ich ja schon in einem meiner letzten Berichte geschrieben habe. Leider gibt es in Chile auch keine Behindertenwerkstätten und so werden die Schüler wohl nur noch zu Hause sein anstatt gemeinsam mit ihren Freunden zu lernen. Unter den Schülern, die nächstes Jahr nicht mehr in ihr Collegio kommen dürfen, sind leider auch einige soziale Härtefälle. Für diese Schüler, die zu Hause nicht ausreichend versorgt werden können, möchten wir eine Schutzgruppe einrichten. In dieser Gruppe können die Schüler ein weiteres Jahr lernen, können Zeit mir ihren Freunden verbringen, anstatt alleine zu Hause zu sein und bekommen täglich zwei Mahlzeiten.
Die Bezahlung einer Betreuungskraft, den Transport zur Schule, die Mahlzeiten und Lernmaterialien müssten dabei durch Patenschaften finanziert werden. Mit 1000 Euro monatlich werden wir 8 Schüler und mit 1500 Euro monatlich 12 Schüler ein weiteres Schuljahr ermöglichen können. Das ist eine Menge Geld, aber ich glaube, dass es möglich ist diese Summe aufzubringen.
Ich habe schon Kontakt mit verschiedenen Schulen aufgenommen und es könnten zum Beispiel einzelne Jahrgänge eine Patenschaft übernehmen, indem jeder Schüler monatlich einen Euro gibt. Die Schüler sollen auch einen direkten Kontakt zu ihrem chilenischen Patenkind haben und so werden wir Freiwilligen gemeinsam mit den Kindern Karten und kleine Bastelarbeiten gestalten und an die Paten nach Deutschland schicken. Ich möchte auch noch versuchen, auf Vereine und Pfarrgemeinden zuzugehen, um nachzufragen, ob sie Interesse an einer Patenschaft haben. Derzeit bespreche ich mit dem Direktor unserer Schule wie wir das ganze aufbauen wollen. Die Gruppe wollen wir wahrscheinlich nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“ aufbauen. Die Schüler sollen Lernen zu waschen und zu bügeln, was ihnen einerseits eine Perspektive auf einen Arbeitsplatz nach der Schule ermöglicht und andererseits auch für die ganze Schule Vorteile bringt, da die Wäsche dann nicht von den Angestellten gereinigt werden muss. Wenn die Idee demnächst vollständig ausgereift ist, wird es wahrscheinlich auch noch einen Artikel in der Donauwörther Zeitung (dazu) geben.
Diese Woche kam eine Schülerin mit einem blauen Veilchen auf dem Auge in die Schule und auf die Frage, was ihr passiert sei, antwortete sie sofort traurig, dass die Betreuerin, bei der sie lebt, sie geschlagen hat, als die Betreuerin betrunken war. In meinem Vorbereitungsseminar hatten wir genau diese Fragestellung und unsere Antwort lautete, du kannst an der Situation nichts ändern, sondern nur versuchen dem Schüler das Leben in der Schule so schön wie möglich zu machen, damit er viele schöne Erinnerungen und Erlebnisse mitnehmen kann. In der Theorie mag diese Antwort ja ganz befriedigend sein, aber für die Praxis ist sie das nicht. Zum Glück denken die Lehrer an der Schule genauso wie ich und so wurde inzwischen der Direktor informiert, der sich dafür einsetzt, dass das Mädchen an einem anderen Ort untergebracht wird.
Zum Glück reicht mein Spanisch inzwischen aus, um das meiste zu verstehen, was meine Schüler mir sagen. Also zumindest die Alltagssprache geht inzwischen, aber an die Redewendungen muss ich mich erst noch gewöhnen. Als der Hausmeister mir jedes Mal, nachdem wir uns eigentlich gut unterhalten haben, bei der Verabschiedung gesagt hat, benimm dich gut, war mir das irgendwie echt suspekt. Wieso sagt er mir das denn, habe ich mich in der Vergangenheit nicht gut benommen? Nach ein paar Mal, habe ich dann einfach gefragt, was in denn in letzter Zeit an meinem Benehmen gestört hat, woraufhin er mich ziemlich verdutzt angeschaut hat. Nachdem ich dann mal genauer nachgeforscht hab, was das bedeutet, hab ich rausgefunden, dass das einfach nur eine Floskel zur Verabschiedung ist.
Genauso wie die Anrede mit „Hija“ (Tochter) o „mi corazon“ (Herzchen). Am Anfang ist es schon komisch, so von Leuten angesprochen zu werden, die man kaum kennt, aber diese Anreden lassen sich wohl mit der chilenischen herzlichen Art erklären und man wird wirklich fast wie eine Tochter behandelt. Die chilenische Freundlichkeit kann man sich kaum vorstellen. Die chilenischen Mamis finden es auch alle unvorstellbar, dass ihre Kinder mit 19 für ein Jahr in ein anderes Land gehen würden. Und zu mir sagen sie dann immer, dass ich immer wenn ich etwas brauche oder wenn ich mich alleine fühle, gerne zu ihnen kommen darf. Die Chilenen kümmern sich wirklich rührend um Ausländer. Zum Beispiel werde ich nach dem Tanzen immer nach Hause begleitet, damit mir abends nichts zu stößt oder wenn ich mit meinem vollen Einkaufstüten aus dem Supermarkt komme, und mich der Hausmeister oder ein Nachbar entdeckt, dann lassen sie sich nicht überzeugen, dass ich meine Tüten auch selbst die Treppen nach oben tragen kann.
Im Oktober habe ich hier an der Wallfahrt zur Heiligen Theresa von Los Andes teilgenommen, bei der ich mit tausenden von anderen Jugendlichen aus ganz Chile 27 Kilometer über die Berge gepilgert bin. Der Glaube der Jugendlichen war beeindruckend lebendig, auf dem ganzen Weg wurden bunte Fahnen geschwenkt und gesungen. Bei der abschließenden Open-Air-Messe mit dem Bischof von Santiago wurde so viel getanzt, dass man am Ende vor Staub fast gar nichts mehr sehen konnte. Das einzige was ich ein bisschen befremdlich fand, war das der ganze Pilgerweg von Imbissständen und Souvenirverkäufern gesäumt war, die laut schreiend ihre Waren angepriesen haben. Auch das gehört wohl zur chilenischen Kultur.
Letztes Wochenende hatte ich das genaue Gegenteil, ein ganz stilles Wochenende in den Bergen. In den 2 Tagen, die wir unterwegs waren, sind wir nur 5 Leuten begegnet. Wir sind zu dem See „Laguna de Plata“ gewandert, der mit seinem klaren Wasser und von steil aufragenden Felswänden gesäumt, die 5 Stunden Aufstieg auf alle Fälle wert war. Obwohl es als wir angekommen sind, ein paarmal kräftig gedonnert hat, sind wir beim Campen zum Glück trocken geblieben und konnten ein wunderschönes Wochenende in der unberührten chilenischen Natur verbringen.
Mit ganz lieben und sonnigen Grüßen vom anderen Ende der Welt
Helena


